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Ein Jahr ohne Süßigkeiten

Ein Kumpel erzählt gerne herum, ich hätte 1 Jahr kein Alkohol getrunken, und ich ernte dann respektvolle Blicke. Wenn ich dann einwerfe, dass es „nur“ Süßigkeiten waren, ist der Respekt schon nicht mehr ganz so groß. Zucker ist (noch) nicht allgemein als Droge anerkannt, sollte es in meinen Augen eigentlich aber.

Aber nun, wie war es denn so, dieses Jahr als Ex-Junkie? Kurz gesagt: Anfangs verdammt hart, und schwer ist es bis heute. Ihr müsst euch vorstellen, dass mein Süßigkeitenkonsum schon etwas Suchtartiges hatte. Ich aß Süßigkeiten eigentlich täglich und kannte kein wirkliches Maß. Was da war, habe ich meistens auch vertilgt. Egal ob die Schokolade dann 100 oder 300 Gramm hatte. Im Nachhinein betrachtet, ist es ein halbes Wunder, dass sich mein Gewicht noch halbwegs im Rahmen hielt. Mein „Rekord“, sofern ich mich erinnere, lag bei 93-94kg bei 1,84m Körpergröße. Das ist drüber, aber nicht exorbitant. Mittlerweile bin ich bei 76kg angelangt, womit ich mir deutlich besser gefalle.

Die ersten Wochen waren eine langsame Entwöhnung. Ich begann mit dem Verzicht noch in Singapur und gestand mir zwar keine „festen“ Süßigkeiten zu, wohl aber gesüßte Drinks. Und in Singapur gibt es da nicht nur die fantastischen Teh C oder Kopi C (jeweils mit reichlich gesüßter Kondensmilch und dazu noch Zucker aufgeschäumter Tee oder Kaffee) und dazu noch Snickers oder Mars als Drink. Aber im Endeffekt gar nicht so viel davon. Nach ein paar Monaten gab ich auch die gesüßten Drinks auf, statt Süßes zum Nachtisch gab es Nüsse. Ich betrieb eine Art Methadonprogramm. Und es wirkte. Es wurde weniger.

Mein Retter, wenn es ganz schlimm kam, waren zuckerfreie Zahnpflegekaugummis. Gerade nach dem Essen teilen die dem Körper anscheinend mit, dass er gerade Nachtisch bekommt. Dann ist erstmal Ruhe.

Anfangs musste ich die Augen schließen, wenn ich im Supermarkt am Süßigkeitenregal vorbei lief. Hundsgemein, was in dem Jahr alles auf den Markt kam! Oreos eingebaut in praktisch allem, von der Milka-Schokolade bishin zur Festtagstorte, roher Keksteig zum Löffeln, M&Ms in Erdnussbutter- oder Kaffeegeschmack. Ich stand vor dem Regel und muss geweint haben wie ein Präriehund.

Es dauerte ein ganzes verdammtes halbes Jahr bis ich halbwegs von dem ganzen Mist kuriert war. Ich ging dann etwas gelassener durch den Supermarkt. Das Zeug interessierte mich immer weniger. Angebote nach Kuchen schlug ich viel leichter aus.

Nach dem überstandenen Jahr begann ich das langsame Wiedereingewöhnen mit ein paar Stücken filipinischem Yema Cake zu Weihnachten (fantastisch!) und aß die Tage darauf nur ein paar kleine süße Snacks, wobei es blieb und was problemlos ging.

Wieder zurück in Deutschland durchstreifte ich das Süßigkeitenregal. Ich gestand mir zu, einmal richtig zuzuschlagen mit all dem, was ich in dem Jahr versäumt hatte. Ich ging das Regal auf und ab, durchsuchte alles genau, fand aber bei Gott nichts, was ich unbedingt kaufen wollte. Die Sache hatte ihren Reiz völlig verloren. Ich kaufte schließlich eine Packung Mars mit Brownie-Füllung – und war am Ende ziemlich enttäuscht. Coole Idee eigentlich, aber schmeckte wie purer Zucker ohne wesentlichen Hauptgeschmack. Dazu gummiartig in der Konsistenz. Und darauf hatte ich nun ein Jahr gewartet?

Mittlerweile ist der Alltag eingekehrt, ich kaufe mir hin und wieder jetzt was Süßes, wenn ich Bock drauf habe, oder esse ein Eis, wenn es lecker aussieht. Das alles längst nicht mehr täglich. Und doch, tatsächlich versuchen die alten Geister immer wieder durchzurufen. „Iss die ganze Tafel!“, „Du brauchst mehr!“. Ich weiß nicht einmal, woher das überhaupt kommt. Vor allem schreit mein Körper nach jeder größeren Mahlzeit immer noch lauthals „NACHTISCH“, warum auch immer. Ich hatte vor, es einfach natürlich handzuhaben, zu hoffen, der Körper gebe sich auch mit weniger zufrieden. Aber das ist gar nicht so einfach. Ohne Disziplin geht es nicht. Ich habe mir nun auferlegt, nichts mehr über 200 Gramm zu kaufen und nie mehr als die Hälfte davon auf einmal zu essen. Eine Art zweite Entwöhnung. Es ist hart, aber bisher klappt’s.

Aktuell liegt in meiner Vorratsschublade eine Tafel Kinderschokolade, die seit vier Tagen täglich um ein paar Riegel schrumpft. Früher hätte sie keinen Tag überlebt. Ganz klar ein Fortschritt. Und doch frage ich mich, wie das sein kann, dass Zucker eine derartige Sucht entfachen kann, die bei einem Raucher oder Alkoholiker kaum größer sein kann. Ganz ohne Zucker wäre es schon ein fades Leben, aber ob es klug ist, Süßigkeiten weiterhin als normale Mahlzeit zu betrachten und das Zeug in rauen Mengen zu Spottpreisen kaufen zu können? Irgendwie scheint mir das gar nicht gut zu sein.

7 Antworten auf „Ein Jahr ohne Süßigkeiten“

Ich habe nach der Entwöhnung eigentlich kaum mehr ein Verlangen danach, esse aber gerne Kuchen, wenn es welchen gibt, und auch mal gute Schokolade (Hachez Cocoa de Maracaibo ist empfehlenswert). Die sonstigen Verlockungen von Mars, Milka, usw. schmecken mir nicht mehr.

Wir scheinen echt viel gemeinsam zu haben. Sehe es aber ähnlich wie du: Man lernt plötzlich mehr Wert auf Qualität. Vielleicht aber auch nur eine Frage des Alters. 😉

Ich kan dem Alter viel mehr Gutes abgewinnen als Nachteiliges, vielleicht jetzt noch 😉
Aber ja, vieles passt, wenn auch nicht alles – du erinnerst dich an die Kommentargespräche zu Serien? 🙂

Um welche Serien hatten wir uns da gestritten? Ist zu lange her für meinen senilen Kopf. Ich weiß es nicht mehr. 😉

Naa, gestritten hatten wir uns noch nie 😉 Du mags auch mal eine Krimi-Serie, ich fand „My Name is Earl“ und „Anger Management“ lustig. Expanse war nicht so mein Fall, obwohl ich die Buchreihe fantastisch finde, usw. Differenzen über Differenzen 🙂
Ein Tipp: this time in English – „Cobra Kai“

Ich gucke, wo möglich, eigentlich eh nur auf Englisch. Cobra Kai ist die pointierte Quasi-Fortsetzung von Karate Kid, 30 Jahre später? Das klingt irgendwie witzig. Und das läuft nur auf YouTube Red, also kostenpflichtig? Earl habe ich natürlich auch geliebt. Jetzt gerade (Folge 5) bin ich mit „Hunters“ sehr zufrieden. Hat alles, was eine überdrehte Actionserie braucht. Vor allem dieser fiese Beau als Handlanger der Nazis ist sehr gut gelungen.

Jepp, „Karate Kid“ wurde auch älter. Ich hab’s in Russland beim Kumpel gesehen, wahrscheinlich auf YTRed, aber wer weiß es schon da hinten 😀
Ich habe mir gerade BlackMirror angeschaut, warte immer bis mehr Material vorliegt, um mehrere Staffel nacheinander zu schauen. Aber ganz schön düster, auch wenn vieles wahr ist und die Entwicklung hin geht, nicht mein Favorit. Als nächstes wollte ich mal sehen ob ich die zuletzt erschienene Stafel von „Report der Magd“ anschaue. Kann aber dauern…

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